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Aus: Sexuelle Gewalt, aktuelle Beiträge aus Theorie und Praxis. Beiträge des Fachkongresses 20 Jahre Wildwasser Berlin. Thomas Schlingmann: Charles Bronson, James Dean, I-Aah und der SurvivorVorstellung der Anlaufstelle Tauwetter für Männer, die als Junge sexuell Missbraucht wurden und einige Aspekte aus der ArbeitEinleitung:Ich möchte Sie zu Anfang auf eine kleine Zeitreise mitnehmen, in jene Zeit, in der Tauwetter, als Anlaufstelle für Männer, die als Junge sexualisierte Gewalt erfahren haben, entstanden ist. Wir befinden uns in den frühen 90er Jahren. Kohl war Kanzler, der real existierende Sozialismus mit Pauken und Trompeten gescheitert und allgemein war von solchen Sachen die Rede, wie dem Ende der Geschichte oder jeder linken Utopie. Die feministische Bewegung gegen sexualisierte Gewalt sah sich mit der Missbrauch mit dem Missbrauch - Kampagne konfrontiert. Ich brauche das hier nicht genauer auszuführen, das hat Anita Heiliger in ihrem Beitrag schon getan. Sinngemäß hieß es, männerhassende Feministinnen würden die Beratungsstellen benutzen, um Familien zu spalten und eine neue Prüderie durchzusetzen. Sie würden Opfer durch Suggestion produzieren, um ihre Stellen zu sichern. Das Wort von der "Missbrauchsindustrie" machte die Runde. Wir bei Tauwetter können von Glück sagen, dass es die als Männerhasserinnen beschimpften Feministinnen gab. Es sind Frauen gewesen, die mit dem Mut, sich öffentlich hinzustellen und zu sagen, das und das ist mir angetan worden. Sie haben den Freiraum geschaffen, der es uns betroffenen Männern es ermöglicht hat, unsere Geschichte zu erinnern und anzugucken. Von den 6 Männern der ersten Selbsthilfegruppe haben 5 Männer von Frauen aus den verschiedenen Bereichen von Wildwasser, der Selbsthilfe, der Beratungsstelle und der Zuflucht, Beratung und oder andere Formen von Unterstützung erhalten. Das waren z.T. persönliche Kontakte, einer hat aber auch ganz einfach in der Beratungsstelle um Hilfe gebeten. Und, das ist vielleicht in Anbetracht der Diskussionen um Täterinnen und blinde Flecke interessant: Einer dieser Männer war von einer Frau missbraucht worden. Diese Unterstützung der einzelnen während der Gründung unserer Selbsthilfegruppe, wozu wir übrigens unter anderem den Wildwasser-Leitfaden heranzogen, hat sich fortgesetzt, während der Gründung der Anlaufstelle und später. Es gab immer Wildwasserfrauen, die bei Fragen oder in Krisen ansprechbar waren. Und heute und ich bin sowohl stolz als auch dankbar das sagen zu können, ist Wildwasser einer der Vereine, die bei uns im Trägerverein Mitglied sind. Es würde Tauwetter ohne Wildwasser höchstwahrscheinlich gar nicht geben. Ich finde, auch das ist ein Teil der Geschichte von Wildwasser und ich kann - und ich glaube, da spreche ich für alle Tauwettermänner, - nur ausdrücklich Danke sagen. Geschichte und ArbeitsansatzIch habe jetzt schon einiges aus der Geschichte von Tauwetter gesagt. Die Anlaufstelle wurde im Mai 1995 aus einer Selbsthilfegruppe heraus gegründet. Der Ansatz war ganz banal die eigenen Erfahrungen aus dem Verarbeitungsprozess an andere Betroffene weiter zu geben und einen Punkt zu schaffen, wo sich an einer Selbsthilfegruppe interessierte Männer finden konnten. Im Laufe der Jahre ist die Anlaufstelle kontinuierlich gewachsen und es bildete sich ein zunehmendes Erfahrungsgefälle zwischen neu dazukommenden und den "alten Hasen". Dazu wurde immer deutlicher, dass die bisherige Entwicklung und das erreichte Niveau in ehrenamtlicher Tätigkeit nicht fortzusetzen und zu halten waren. Der vorprogrammierte und wie meist unter falschen Vorzeichen geführte Streit "Selbsthilfe contra Professionalisierung" blieb nicht aus und führte zur notwendigen Neustrukturierung des Projektes. Die Anlaufstelle Tauwetter unterteilt sich heute in eine Informations- und Beratungsstelle und einen autonomen Selbsthilfebereich. Daneben und als übergeordnete Instanz gibt es den Verein. Was unseren Arbeitsansatz angeht, so paßt wohl am besten die Bezeichnung Peer-counseling mit Fachkompetenz. Unsere Erfahrung ist, dass Peercounseling, in der Arbeit mit Männer, die als Kind oder Jugendlicher sexuell traumatisiert wurden, ein absolut wichtiger Ansatz ist und wo immer möglich praktiziert werden sollte. Für die betroffenen Männer ist allein schon das Mitbekommen, mir sitzt einer gegenüber, der ähnliches erlebt hat und der es offensichtlich geschafft hat, das soweit zu verarbeiten, dass er heute andere unterstützten kann, eine wahnsinnig mutmachende und entlastende Erfahrung. Gleichzeitig wissen wir alle inzwischen, dass Betroffenheit allein für eine weitergehende Arbeit nicht reicht, dass es dazu zusätzliche Qualifikationen und Fachkompetenz braucht. Deshalb dieser Ansatz. Ein zweiter zentraler Begriff in unserer Arbeit findet sich auch im Motto dieses Kongresses: Parteilichkeit. Moment mal - werden sicherlich jetzt einige von Ihnen denken - Parteilichkeit ist ein Begriff aus der feministischen Mädchen- und Frauenarbeit, der beinhaltet die strukturellen Machtverhältnisse im Geschlechterverhältnis einzubeziehen. Wie soll das in der Arbeit mit Männern gehen? Wir haben für uns den Begriff Parteilichkeit um das Wort situationsgebunden ergänzt. Es gilt für uns, ohne das grundlegende Machtgefälle zwischen den Geschlechtern aus den Augen zu verlieren, in jeder Situation konkret zu gucken, wie die individuellen Machtverhältnisse sind. Ohne diese Rangehensweise könnten wir ungefähr einem Viertel der Männer, die zu uns kommen nicht gerecht werden, denn sie wurden von Frauen missbraucht. Die konkrete Arbeit der Anlaufstelle TauwetterWie bereits erwähnt gibt es bei Tauwetter zwei Bereiche: Die Informations- und Beratungsstelle und die Selbsthilfe. Die Arbeit der Informations- und Beratungsstelle
Selbsthilfebereich
Männlichkeit und sexuelle GewaltEs gibt eine Reihe von Besonderheiten der Gruppenarbeit von Männern, die als Kind oder Jugendlicher sexueller Traumatisierung ausgesetzt waren. Diese hängen mit den beiden, diese Gruppe definierenden Faktoren zusammen, der sexuellen Traumatisierung und dem Geschlecht. Zur sexuellen Traumatisierung allgemein brauche ich in diesem Kontext nicht viel sagen, auf die Kategorie Geschlecht und die sich daraus ergebenden geschlechtsspezifischen Besonderheiten in der Traumaverarbeitung will ich hier etwas genauer eingehen. Ich möchte Sie dazu noch mal zu einem Ausflug einladen, diesmal nicht zu einer Zeitreise, sondern gleichsam zu einer Reise zu einem unbekannten Planeten. Oder genauer gesagt: Unbekannt ist der Planet nicht, aber höchst rätselhaft für die meisten. Es geht um die spannenden Welten der Konstruktion von Männlichkeit: Wenn wir versuchen, uns der Frage zu nähern, was macht einen Mann zum Mann, oder auch, was ist männlich, tauchen die verschiedensten Begriffen aus den verschiedensten Kategorien auf. Der Planet Männlichkeit liegt hinter einem Nebel, den wir erst einmal durchqueren müssen. Da tauchen Begriffe auf wie: Stärke, Durchsetzungsvermögen, Rationalität, Coolheit, Ignoranz, Fußball, Autos, breite Oberkörper, besserer Zugang zu vielen Ressourcen, Machtgefälle gegenüber Frauen, Vergewaltigung, Unterdrückung, Krieg... Wenn wir diese Begrifflichkeiten näher anschauen und sortieren, den Nebel also gleichsam durchfliegen zeichnet sich folgendes Bild ab: Es gibt drei Ebenen die miteinander verwoben sind:
Damit haben wir eine Hülle beschrieben. Gleichzeitig stellen wir fest, dass diese Hülle von Gruppe zu Gruppe unterschiedlich gefüllt wird: Ein Hooligan hat eine andere Vorstellung von Männlichkeit als ein Manager. Das wandelt sich auch im Laufe der Jahre. Trotz aller Unterschiede und Veränderbarkeit gibt es aber immer so etwas wie eine bestimmende Form, die hegemoniale Männlichkeit. Zu dieser hegemonialen Männlichkeit zählt die Vorstellung, dass Männer keine Opfer sind. Damit sind wir an einem grundsätzlichen Problem aller männlichen Opfer sexueller Traumatisierung angekommen. Wie läßt sich die Opfererfahrung mit den Anforderungen der hegemonialen Männlichkeit vereinbaren. Oder anders gefragt: Wie kann ich noch ein Mann sein / werden, wenn ich sexuell missbraucht wurde? Nun ist es aber so, dass keineswegs alle Männer in allen Auseinandersetzungen Sieger sein können. Spätestens bei Auseinandersetzungen zwischen Männern muß es ja auch Verlierer geben. Es gibt also offensichtlich einen Unterschied zwischen eine Niederlage erleiden und Opfer sein und es braucht irgendeinen Trick, der ermöglicht Niederlagen in die Männlichkeit zu integrieren. Hier kommt die Vorstellung von Ehre hinzu: Entscheidend für die Wahrung der Männlichkeit ist, ob die männliche Ehre gewahrt bleibt. Wenn ein Mann mannhaft kämpft kann er auch mal verlieren. Wenn er heldenhaft bis zum Tode kämpft, gewinnt er sogar noch in seiner Männlichkeit, er wird ein Held. Wenn er das einzig vernünftige tut und vor einem übermächtigen Gegner flieht, ist er ein Feigling, ein Opfer, er verliert seine Männlichkeit. Das klingt jetzt vielleicht nach altgermanischen Kriegerkasten, ist aber nach wie vor Realität. Jede Niederlage ist ein potentieller Angriff auf meine Männlichkeit und um diesen Angriff abzuwehren ist ehrenhaftes, männliches Verhalten notwendig. Wenn ein Mann aber aufgibt, wird er zum unmännlichen Opfer und dieser Opferstatus bleibt am betreffenden oftmals kleben. Insbesondere gilt und betrifft das sexuelle Gewalt: Ein Mann, der von einem anderen Mann vergewaltigt worden ist, z.B. im Krieg oder im Knast gilt nicht länger als männlich, sondern als schwul. Ohne es so formulieren zu können, weiß das die jeder Junge. Heterozentrismus und Homophobie bilden eine für die betroffenen Jungen tödliche Melange. Wenn sexuelle Gewalt gegen Jungen von Frauen ausgeübt wird, so stellt sie zwar auf andere Art, aber nicht minder einen Angriff auf die Männlichkeit dar: Die Überlegenheit des männlichen Geschlechts ist integraler Bestandteil der Vorstellungen von Männlichkeit. Opfer einer Frau geworden zu sein, kann in diesem Kontext also nur umgedeutet werden oder ein Beweis mangelnder Männlichkeit sein. Für Jungen entwickelt sich also nach dem Erleben sexualisierter Gewalt eine zunehmende Diskrepanz zwischen den verinnerlichten Ansprüchen und dem Selbstempfinden. Bewältigungsstrategien:Ich möchte anhand von zwei bzw. vier Figuren verschiedene Möglichkeiten aufzeigen, wie Jungen oder Männer mit dieser Diskrepanz umgehen. Wie alle Typologisierungen ist auch diese natürlich holzschnittartig. In der Realität geht es um verschiedene Anteile, die Typologisierung dient dem besseren Verständnis. Der Rächer Charles Bronson
Ziemlich diametral entgegengesetzt gibt es die zweite Figur. Der Looser I-Aah
Zu den beiden anderen Figuren komme ich später noch. Spannend wird es jetzt bei der Frage, welchen Einfluß haben diese beiden verschiedenen Identitätsentwürfe aus dem Bewältigungssprozess für den späteren Traumaverarbeitungsprozess. Ich trenne diese beiden Prozesse so deutlich, denn leider liegen für Jungen bzw. Männer immer noch meistens Jahre zwischen Ihnen. Erst wenn es gelingt, die Struktur der Zweigeschlechtlichkeit und damit die hegemonialen Konstruktionen von Männlichkeit in Frage zu stellen, öffnen sich Räume, auch für Jungen, wo sie ihre Männlichkeit nicht unter Beweis stellen müssen. Und erst dann wird es einfacher, das Trauma zeitnaher zu verarbeiten und so eine Chronifizierung der Folgen zu vermeiden. Ich will noch einmal betonen, dass diese Typologien nichts starres sind. Sie haben in verschiedenen Lebensphasen unterschiedliche Bedeutung. Und spannend ist ja vor allem, wie lassen sich die verschiedenen Figuren nutzen für eine Traumaverarbeitungsprozess. Chancen und Probleme in der Verarbeitung des TraumasIn einer qualitativen Untersuchung zur geschlechtsspezifischen Bewältigung sexualisierter Gewalt hat Silke-Brigitta Gahleitner festgestellt, dass es für sexuell traumatisierte Jungen zunächst häufig notwendig zu sein scheint, die Gewalterfahrung durch besonders männliches Verhalten zu kompensieren. Später hat diese Fixierung allerdings für viele Männer destruktive Auswirkungen. Wenn es zu einer Aufarbeitung der erlebten sexualisierten Gewalt kommt, wird es daher bedeutsam, auch weiblich konnotierte Fähigkeiten (wie z.B. Affektorientierung, -differenzierung und -regulierung) zu erwerben. Für das Überleben nach dem Trauma scheint eine klare Geschlechtsidentität zunächst also Sicherheit zu vermitteln. Zu einer erfolgreichen Verarbeitung braucht es jedoch eine gewisse Flexibilität in der Geschlechtsrolle und den Einsatz kognitiver (männlicher) und emotionaler (weiblicher) Bewältigungstrategien. Dies deckt sich mit unseren Erfahrungen. Gucken wir uns auf diesem Hintergrund also mal unsere zwei Protagonisten an. Beginnen wir mit Charles Bronson: Im Idealfall kommt die Figur in die Jahre (anders als der reale Schauspieler, der im Alter immer noch die gleichen Rollen gespielt hat). Dies kann z.B. allein dadurch geschehen, dass der betreffende Mann älter wird. Ein jugendlicher Mann muss seine Männlichkeit, seine Dazugehörigkeit ganz anders unter Beweis stellen, als ein 30-Jähriger. Jetzt gewinnt eine neue Figur an Einfluß, die ich hier vorstellen will: Der Rebell James Dean
Ein Blick auf I-Aah: Er hat wesentlich schlechtere Karten. Nicht nur hat er weniger Ressourcen, auf die er zurückgreifen kann, er sabotiert unbewußt auch die eigenen Versuche, etwas zu ändern. Für ihn liegt der Fokus ganz klar auf seiner Opfererfahrung und meist hat er nur die Möglichkeit der Umdefinierung als Überlebensleistung. Dies ist die vierte Figur, die ich vorstellen will: Der Survivor
Wir haben uns an diesen Beispielen bisher angeguckt, was für mögliche Bewältigungsstrategien es gibt und welche Entwicklungschancen in diesen stecken. Ich mache jetzt einen kleinen Sprung, überspringe die ganze Phase der Hilfesuche, der Entscheidung Therapie ja oder nein, Selbsthilfe ja oder nein und unterstelle einfach eine Reihe Männer, mit unterschiedlich starken Anteilen von diesen Figuren sitzt zusammen in einer Selbsthilfegruppe. Entwicklungsmöglichkeiten in der GruppenarbeitMännergruppen sind nach den herrschende Vorstellungen von Männlichkeit eine ambivalente Sache. Als Bruderhorde, als Jungenclique, als Stammtisch sind sie gang und gebe zur Abwehr von Verunsicherungen und In-Fragestellungen. Gleichzeitig ist es aber so, dass ehrliches Reden über den Körper, über Sexualität, über persönliche Probleme eine Sache ist, die als weiblich gilt. Eine Männergruppe, die sich mit solchen Themen beschäftigt, hat einen Geruch von unmännlich, schwach, schwul. Charles Bronson würde nie in eine Selbsthilfegruppe gehen, es sei denn, es wäre eine Vigilantegang, ein Zusammenschluß von Rächern. Erst nach der Transformation in James Dean ändert sich das. I-Aah wird vielleicht in einer Gruppe auftauchen, wenn aber der Prozess der Umdefinierung zum Survivor nicht schon begonnen hat, wird er schnell wieder verschwinden, denn andere Opfer mit ähnlich heftigen oder womöglich schlimmeren Erfahrungen begegnet er gerne mit Opferkonkurrenz, um seine Einzigartigkeit zu behalten. Aber auch, wenn also in einer Gruppe eher James Deans auf Survivors treffen, gibt es zwei grundsätzliche Tendenzen in jeder Gruppe:
Es gibt Gruppen, die sich klar der ersten Kategorie zuordnen lassen und andere, der zweiten. Die meisten pendeln zwischen beiden Extremen, manchmal wechselt der Charakter von Abend zu Abend. Um es klarzustellen: Auch die erste Art von Gruppe hat ihre Funktion: Sie kann wesentlich zur Stabilisierung der einzelnen beitragen. Problematisch ist es nur, wenn einzelne in der Gruppe etwas anderes wollen. Typische Phasen der SelbsthilfegruppenarbeitIch möchte jetzt mal versuchen, aufzuzeigen, was so die in unseren Augen normalen aber wichtige Phasen am Anfang sind, die eine Selbsthilfegruppe betroffener Männer durchläuft und auch wo demzufolge die Probleme liegen. Phase 1 : Das Entdecken der Gemeinsamkeit
Phase 2: Unterschiede & Konflikte
Ich möchte an diesem Punkt Schluß machen. Die Prozesse differenzieren sich immer weiter aus und es würde den Rahmen sprengen zu versuchen, diese zu erfassen. Ich möchte lieber zuletzt noch einmal einen Sprung machen, raus aus der Abstraktion, hin zu konkreten Männern, indem ich mit einem Gedicht eines betroffenen Mannes schließe, das in meinen Augen verdeutlicht, dass es sehr wohl möglich ist, nach sexueller Traumatisierung aus dem immer präsenten Horror eine Erinnerung an die Vergangenheit zu machen:
Farben des Lichts
Es gibt Momente, da fühle ich mich groß. In mir ist ein Brausen und Schwellen. Es tanzt und singt, gluckst und lacht. Ich könnte vor Freude meine Brustkorb weit öffnen, und alle Welt in mich aufnehmen und mit ihr dieses Glück gemeinsam fühlen.
Es gibt Momente, die kann ich nicht fassen. Sie sind unbeschreibbar schön. Ich spüre deine Wärme und gleichzeitig habe ich eine Gänsehaut. Das fühlt sich so klein und zart an, und ist doch so umfassend und riesengroß.
Es gibt Momente, da sehe ich diese Gesichter. So voller Zerstörung und Schmerz, so hoffnungslos und verzweifelt. Und da weiß ich, woher ich komme - und womit ich mich niemals abfinden werde.
Es gibt Momente, da ist alles still. So eine tiefe Ruhe, so eine endlose Weite, Frieden. Ich treibe durch den Raum, satt und rund vor stillem Glück. Und am Horizont steht dunkelgelb und groß der Mond.
Es gibt Momente, da bin ich eins mit vielen. Wir sind auf der Straße, du bist neben mir und du auf der anderen Seite. Vor uns, hinter uns, die anderen. Ich spüre eure Kraft, sie trägt mich. Wir tragen uns. Zusammen können wir die Welt aus den Angeln heben.
Es gibt Momente, da bin ich eine Katze. Ich spüre mich mit jeder Faser. Ich springe über die Dächer, lande auf allen Vieren auf dem Asphalt, federe leicht ein. Ich sauge gierig die Nachtluft ein, sie schmeckt nach Abenteuer.
Es gibt Momente, da bin ich verzaubert. Ich höre das Trompeten der Kraniche im Morgennebel über dem Moor. Ich sehe die feinen Verästelungen der Tropfsteine tief unter der Erde. Ich schmecke das kalte, klare Wasser aus türkis leuchtenden Gumpen in einer Schlucht im Gebirge. Ich rieche den Schnee in der frischen Luft an einem klaren Wintermorgen. Ich spüre das ruhige Auf und Ab der großen Wellen, im kleinen Boot, draußen auf dem Meer. Ich fühle den Wind auf dem Berg meine Haut streicheln und die Sonne sie wärmen.
Nein, ich habe noch nicht genug. Ich habe Lust auf Leben.
Hannes |
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