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Vereinbarungen für die Selbsthilfegruppe

Die folgenden Vereinbarungen sind nicht als Dogma gedacht, sondern aus den Erfahrungen in den bisherigen Tauwetter-Selbsthilfegruppen entstanden. Sie sind eine Vorgabe für den Start und ein Vorschlag für den weiteren Umgang miteinander. Jede Gruppe hat natürlich die Möglichkeit, gemeinsam Sachen zu ändern, zu streichen oder neue aufzustellen. Ein fester Rahmen hat sich jedoch zumindest in der Anfangsphase als günstig erwiesen: Viele Männer, die als Junge sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren, haben Angst vor neuen, unbekannten und eventuell unkontrollierbaren Situationen. Zu tief sitzt die Erfahrung, in einer vollkommen uneinschätzbaren, jede Vorstellungskraft sprengenden Situation (dem Missbrauch) verletzt worden zu sein und dem hilflos und ohnmächtig ausgeliefert gewesen zu sein. Ein klarer, über- und durchschaubarer Rahmen erleichtert es oft, sich zu öffnen. Deshalb diese Vereinbarungen und auch der feste Ablauf der Abende.

Vertraulichkeit

Was in der Gruppe besprochen wird, bleibt in der Gruppe. Wenn ein Gruppenmitglied mit jemand außerhalb darüber reden muß, wie es ihm in der Gruppe ergangen ist, z.B. weil er Hilfe oder Unterstützung braucht, dann in solch einer Form, so dass die anderen nicht zu erkennen sind.

Anonymität

Jeder hat das Recht anonym zu bleiben. Keiner muß seine Telefonnummer austauschen, seine Adresse nennen oder seinen richtigen Namen.

Freiwilligkeit

Jeder hat das Recht, den Raum zu verlassen - wobei er sich bemühen sollte, noch kurz zu sagen, dass er (z.B.) eine Pause braucht, und nicht kommentarlos zu verschwinden.

Es gibt keine Verpflichtung etwas zu sagen. Jeder entscheidet selber, wann er reden will. Einschätzungen wie " Ich muß jetzt was sagen, weil alle anderen schon was gesagt haben" helfen nicht weiter. Es ist hilfreich, den Anderen zu sagen, dass und warum ich nichts sagen will.

Nüchternheit

Alkohol, andere Drogen und Sucht haben in der Geschichte vieler Opfer sexueller Gewalt eine große Rolle gespielt oder tun es noch. (Sei es z.B. als Kind in einer AlkoholikerInnen-Familie oder als Flucht vor den Schmerzen der erlittenen Gewalt.) Ein nüchternes Erscheinen und Nüchternheit während der Treffen ist deshalb Prinzip. Übrigens kann es schnell als Mißachtung betrachtet werden, wenn einer versucht, sich zu öffnen und zu zeigen und sein Gegenüber ist zugedröhnt und kann nur eingeschränkt folgen. Während der Treffen und in den Tauwetter-Räumen wird nicht geraucht.

Verbindlichkeit

Vertrauen in andere fassen setzt das Gefühl voraus, sich auf die anderen verlassen zu können. Ein respektvoller Umgang miteinander drückt sich auch in einer gewissen Verbindlichkeit untereinander aus. Dies sind zwei Gründe warum gemeinsames, pünktliches Anfangen und Abmelden bei Nichterscheinen wichtig sind.

Raum bekommen

Im Blitzlicht besteht für jeden die Möglichkeit zu sagen, dass man Raum für sich beanspruchen möchte. Derjenige, der oder dessen Thema dran ist, kann ein ganzes Stück weit bestimmen, wie das "Reden" passieren soll. Es ist oft hilfreich, zu benennen, was Mann erreichen will und sich evtl. von den anderen erhofft. Das kann ein breites Spektrum sein: Druck loswerden - an Gefühle ran kommen - einfach nur erzählen - von den anderen hören, ob sie etwas ähnliches kennen - Hilfe kriegen, um eine unentwirrbare Situation zu entheddern - vielleicht auch nach Ratschlägen fragen. Und wenn Mann noch nicht klar weiß, auf was Mann raus will, kann Mann genau das auch sagen.

Achtung und Respekt

Alle versuchen sich mit Achtung und Respekt zu begegnen. Die Selbsthilfegruppe soll ein Raum sein, in dem Keiner mutwilligen oder achtlosen Verletzungen und Überschreitungen seiner Grenzen ausgesetzt ist. Vielmehr kann Jeder hoffen, dass die Anderen seine Grenzen respektieren, ihm mit Achtung begegnen und versuchen Verständnis zu entwickeln. Das gilt in die andere Richtung natürlich genauso.

Dies kann leider nicht heißen, dass es in der Selbsthilfegruppe keinerlei Verletzungen gibt. Zu oft geschieht so etwas unbeabsichtigt und die Grenzen des Gegenüber sind nicht bekannt oder bewußt. Es ist wichtig die eigenen Grenzen festzustellen, den anderen bekannt zu machen und Verletzungen (z.B. durch den Satz "Hör bitte auf, ich bin verletzt" o.ä.) zu zeigen. Oft können nur dann die Anderen darauf achten.

Ausreden lassen

Sachen wie "den Anderen ausreden lassen und ihn nicht unterbrechen" sollten ja eigentlich Selbstverständlichkeiten sein, sind es aber allzuoft leider nicht. Es ist oftmals auch hilfreich, nicht immer sofort zu antworten, sondern auch mal eine kurze Pause einzulegen, um zu überlegen oder Anderen auch noch Raum zu lassen.

Keine Gewalt

Dies betrifft sowohl die Ausübung, als auch die Androhung von Gewalt. Die Notwendigkeit dieser Vereinbarung muß wohl nicht begründet werden.

Keine ungefragten Berührungen

Zum Achten der Grenzen des Anderen gehört auch dass niemand jemand Anderen ungefragt oder unaufgefordert berührt. Viele Opfer sexualisierter Gewalt haben über Jahrzehnte Angst vor Berührungen, oft gerade auch in Situationen, wo sie sich öffnen. Bei einigen sind das Berührungen bestimmter Art (z.B. eine Hand im Nacken), bei anderen geht es um Berührungen aller Art. Wenn jemand in den Arm genommen und getröstet werden will, kann er darum bitten. Wenn ein Gruppenteilnehmer einen anderen trösten willst, kannst er ihn fragen, ob ihm das recht ist oder ein Angebot machen, indem er z.B. seine Hand vor ihn legt, damit er sie greifen kann, wenn er will. Das sind am Anfang manchmal etwas steife Situationen, es lassen sich dennoch mit der Zeit Formen entwickeln, die praktikabel sind.

Jeder redet von sich

Jeder versucht, zu sagen, wie es ihm geht, wie er sich fühlt. Bewertungen der anderen und Zuschreibungen werden unterlassen. Ein Beispiel: "Ich bin verletzt und wütend" statt "Du bist ein Schwein". Es geht also um Ich-Botschaften statt Du-Botschaften. Dies hilft, sich der eigenen Gefühle bewußt zu werden und Verletzungen zu vermeiden. Dies heißt nicht, nichts mehr zu dem, was die Anderen sagen, zu äußern. Ein Ziel der Gruppe ist ja schließlich der Austausch mit anderen Betroffenen. Es hat sich aber als hilfreicher erwiesen, zu erzählen, was das Gehörte bei einem selber auslöst oder den Anderen zu fragen, wie es ihm geht und zu versuchen, Verständnis zu entwickeln und sich einzuempfinden, als die Situation des Anderen und ihn zu beurteilen (bewerten?) und ihm zu erklären, was er zu tun hat. Auch gutgemeinte Ratschläge gehen oft daneben und sind nur dann angebracht, wenn um sie gebeten wird.

Verantwortung

In der Selbsthilfegruppe ist jeder zuerst für sich selbst verantwortlich und alle gemeinsam sind es für die Gruppe. Die Balance zwischen dem Gucken nach sich selber und dem Gucken nach den Anderen ist bei vielen von uns gestört. Oft ist das Erkennen und die Wahrnehmung der eigenen Interessen und Grenzen ein Schwachpunkt. Es ist am Anfang sinnvoll, erst mal auf sich selber aufzupassen und seinen eigenen Schutz zu organisieren. Dazu ist wichtig, in sich hinein zu horchen und zu spüren, wann einem was zu viel wird, z.B. ein Thema oder die Art der Auseinandersetzung damit zu heiß wird. Wenn Mann selber redet, kann Mann auch selber versuchen zu bremsen, evtl. Andere um Hilfe bitten. Schwieriger ist es, wenn jemand Anderes dran ist. Jeder kann den Raum verlassen (s.o.) aber eventuell gibt es auch irgendeine Geste, auf die sich alle als Notsignal einigen können, wenn einer eine Unterbrechung braucht (z.B. die T-förmig zusammengestellten Hände, wie in vielen amerikanischen Sportarten: T = Time-Out).

Erst, wenn Mann für sich selber gesorgt hat, kommt das Gucken nach den Anderen, die Verantwortlichkeit für die Gruppe. Eine Selbsthilfegruppe funktioniert längerfristig nur, wenn alle lernen, ihre Interessen zu vertreten und Grenzen zu ziehen. Erst dann wird es möglich, gegenseitig die Grenzen zu respektieren, Interessenskonflikte auszuhandeln und einen gemeinsamen Umgang mit den Unterschiedlichkeiten zu finden.


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